Sonntag, 25. Juni 2017

Die eigentumslose Gesellschaft – von Marx zum neoliberalen Regime

Marx hat sie gewollt – der Neoliberalismus hat sie verwirklicht: die eigentumslose Gesellschaft. Allerdings ist der Begriff in sich widersprüchlich. Irgendjemand besitzt immer die Verfügungsgewalt über die physische Umwelt, d.h. den Boden, die Häuser, die Büros, Werkstätten, Fabriken, ja selbst über Flüsse, Seen und jeden einzeln Quadratmeter Wald. Mit anderen Worten: Irgendjemand ist immer Eigentümer. In diesem Sinne gibt es keine eigentumslose Gesellschaft. Der Begriff beruht auf Täuschung.

Dienstag, 23. Mai 2017

Ilija Trojanow – der Weltensammler als Populist

Am 22. Mai kam in den sieben Uhr Nachrichten von des österreichischen Kultursenders Ö1 Ilija Trojanow über sein neues Buch „Nach der Flucht“ zu Wort. Er beschrieb das Erlebnis der Befreiung, der erfüllten Wissbegierde, welche das Wandern zwischen den Welten in einem aufnahmebereiten Geist bewirkt. Schon Goethe hatte Ähnliches mit den Worten zum Ausdruck gebracht, dass ein kluger Mensch auf Reisen am meisten lerne. Man braucht jedoch nicht einmal besonders klug zu sein, um die Konfrontation mit anderen Menschen, anderen Kulturen als einen Ausbruch aus der Enge des eigenen Selbst und der Routine des Alltags zu empfinden.

Samstag, 13. Mai 2017

Unerträgliche Wahrheiten 1: Menschenflut

Eine von jenen Wahrheiten, welche offenbar als so unerträglich empfunden werden, dass man sie mit aller Kraft verdrängt, verschweigt, wenn nicht rundheraus leugnet, ist den Experten seit zweihundert Jahren bekannt. Der geweihte Priester und Ökonom Thomas R. Malthus hatte sie Ende des 18. Jahrhunderts theoretisch begründet. Die Menschen, so sagte er, vermehren sich in geometrischer Progression, während die Nahrungserzeugung allenfalls arithmetisch wächst. Anders gesagt, sei unsere Art biologisch so überaus erfolgreich, dass sie sich weit über die Tragfähigkeit des Globus hinaus vermehre. Schon damals erkannte Malthus, dass hier ein grundlegendes Problem bestand. Was er zu seiner Zeit noch nicht sehen konnte, war die Fähigkeit der auf ihn folgenden Generationen, dieses Problem auf vorläufige Weise zu lösen. Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, ernährt der Globus sieben Mal so viele Menschen wie zur Zeit, als Malthus seine beklemmende Lehre verkündete.

Samstag, 6. Mai 2017

Wikipedia deutsch – ein Populistenforum?

Die Idee ist grandios, kein Wunder, dass sie in kürzester Zeit die gedruckten Enzyklopädien Brockhaus, Britannica etc. hinweggefegt hat. Nicht länger sollten da Elfenbeinturmgelehrte über Rang und Bedeutung ihrer Mitmenschen richten, sondern ein demokratisches Forum von Bürgern, auf dem jeder seine Stimme abgeben kann. Tatsächlich sind es ja immer und notwendig die anderen, die das letzte Wort haben und haben müssen - schon weil wir sterblich sind. Goethe gilt als einer der größten Deutschen, John Stuart Mill als einer der größten Männer Englands, nicht weil sie selbst es so beschlossen hätten, sondern die communis opinio, anders gesagt, das Votum von Generationen. Zweifellos gab es zu ihrer Zeit Menschen, die sich selbst für sehr viel bedeutender hielten, aber eine Enzyklopädie hat von allen Selbsteinschätzungen abzusehen. Die demokratische Einschätzung durch die anderen ist entscheidend.

Sonntag, 30. April 2017

Die Weisheit des kontemplativen Lebens – inmitten von Mausefallen

Vor kurzem erhielt ich eine Notiz, dass der bekannte Wirtschaftsanalyst Meinhard Miegel sich von der Ökonomie ab- und nun der schöneren Sphäre von Kunst, Kultur und Religion zuwenden würde. Jahre lang hatte Miegel sein Renommee auf Zahlen begründet, die sein Institut, das „IWG Bonn“, und später die „Denkwerkstatt Zukunft“ für ihn errechnete. Da ging es in erster Linie um Demographie und deren Folgen für Renten, Beschäftigung und den Wohlstand. Nun also würde es mit den Zahlen wohl eher zu Ende sein, die haben in Religion und Kunst nichts zu suchen – dort geht es um eine Dimension, die sich nicht quantifizieren lässt.

Sonntag, 23. April 2017

Hannah Arendt contra Wladimir Putin

Es ist wohl unserer Primatennatur geschuldet, dass große Gefühle so oft mit dem Triumph über Feinde verbunden sind. Die Ilias ist ein Heldengesang, wo mit höchstem Aufwand an dichterischer Inspiration die blutigsten Siege gefeiert werden. Kein Wunder also, dass der neue russische Zar seine Landsleute seinerseits auf die uralten Gefühle einschwört. Immer öfter hört man aus seinem Mund, wie heldenhaft das russische Volk sich gegen den Faschismus gewehrt und ihn schließlich überwunden habe. Endlose Paraden, endlose Beschwörungen. Man sieht es den Gesichtern der jungen Soldaten und steinalten Veteranen an, wie ihnen die Gänsehaut kommt, wenn sie an die glorreichen Tage denken...

Samstag, 15. April 2017

Trump – die transatlantische Ego-Trompete

Was passiert mit einem Land, wo einige der besten Universitäten beheimatet sind, einige der intelligentesten Bücher über Soziologie, Politik, Wirtschaft entstehen, anders gesagt, wo nicht wenige der weltbesten Intellektuellen zu Hause sind - was passiert, wenn dort ein Mann an die Spitze gelangt, der eher als Inkarnation aus einem Comic-Heft erscheint, sozusagen als Avatar von Dagobert Duck, freilich mit einem noch weit aufgeblasenerem Ich - ein Mann, der absolut keine Gelegenheit versäumt, die eigene Unwissenheit vor aller Welt zu demonstrieren, zum Beispiel wenn er wie ein wiedergeborener Obelix die angeblich in der Klimafrage irregeleiteten Wissenschaftler aller Welt in die Schranken weist: Die spinnen!