Donnerstag, 8. Dezember 2016

Sandra Navidi führt nach Davos auf den Olymp der kapitalistischen Super-Hubs

Eines doppelten Rekords darf die außerordentliche Frau sich rühmen. Einerseits hat Sandra Navidi es fertiggebracht, das vielleicht langweiligste Buch der Saison zu schreiben: eine Aufzählung von Personen, die sämtlich nur Schemen bleiben, eine Aneinanderreihung von Orten und Superlativen, die sich von einem Kapitel zum anderen auf ermüdende Art wiederholen. Dabei ist ihr aber andererseits etwas Einzigartiges gelungen: Sie ist bis zu den olympischen Höhen der mächtigsten und reichsten Männer vorgedrungen, dorthin, wo die restlichen neunundneunzig Prozent der Menschheit niemals gelangen. Mit anderen Worten, Sandra Navidi, entführt uns zum Olymp nach Davos, um uns mit jenen wenigen Dutzend Menschen bekanntzumachen, die den heutigen Kapitalismus und seine Hauptakteure verkörpern und das Schicksal der Welt bestimmen. Das alles ist ihr noch dazu als Frau gelungen – eine außerordentliche Leistung, denn das Antlitz des Finanzkapitalismus ist männlich, patriarchalisch und ganz überwiegend brutal.

Donnerstag, 24. November 2016

Europas politische Tollheit

Weizen ist immer noch Weizen, und Schweine sind Schweine – das macht den Unterschied zu Computern, Handys oder selbst Autos aus, wo jede Generation von Produkten fortdauernder Innovation unterliegt. Im Wesentlichen hat die Natur das Schwein geschaffen (einst war vom Lieben Gott die Rede), da sind selbst die Eingriffe des Züchters begrenzt. Anders gesagt, liegt der sogenannte Fortschritt der Landwirtschaft fast ausschließlich darin, dass sie Schweinefleisch, Weizen, Milch etc. jedes Jahr billiger auf den Markt wirft. Dazu muss sie die Produktionsbetriebe der Bauern allerdings in automatisierte und immer größere Fabriken verwandeln, wo von der Fütterung bis zur Schlachtung sämtliche Vorgänge von Maschinen ausgeführt werden.

Dienstag, 15. November 2016

Egon Friedell – die hohe Kunst, die Toten ins Leben zurückzurufen

Lange muss man suchen, um in der heutigen Sachbuchliteratur einen Autor zu finden, der ihm in der Brillanz des Stils, der Tiefe der Reflexion und dem Umfang der Bildung auch nur entfernt nahe kommt. Die Rede ist von jenem Mann, der in Wien aus dem Fenster des dritten Stocks in der Gentzstraße sprang, als er 1938 die Nazischergen an die Tür klopfen hörte. Noch im Augenblick des bevorstehenden Todes hat er auf seine Art den Wiener Charme definiert, denn während seines Sprungs rief der massige Mann den Leuten auf der Straße noch ein „Achtung!“ zu.

Donnerstag, 3. November 2016

Hep hep Sarrazin! Rückblick auf eine Menschenhatz in Deutschland

Kein Zweifel, Ideen können Revolutionen bewirken. Der Islam, erfunden von einem poetisch inspirierten Kaufmann, der Gottes Stimme zu hören glaubte, war historisch eine der wirkmächtigsten Ideen, weil sie in einem geistig-militärischen Siegeszug ohnegleichen einen Großteil der Alten Welt innerhalb kürzester Zeit unterwarf und eine radikale Umgestaltung bewirkte. Noch weitreichender waren die Folgen, die von den Ideen eines Lord Chancellors tausend Jahre danach ausgingen. Zu einer Zeit, als England noch ein Agrarstaat war, nämlich zu Beginn des 17. Jahrhunderts, entwarf Francis Bacon die wesentlichen Elemente der industriellen Gesellschaft in Gestalt einer reinen Idee, niedergelegt in seiner Schrift „Nova Atlantis“. Danach mussten allerdings noch zwei Jahrhunderte vergehen, bis die Idee sich die Wirklichkeit unterwarf – heute hat sie den ganzen Globus erobert (wie und warum Ideen solche Macht entfalten, davon handelt mein Buch „Die Macht der Träume“).

Sonntag, 23. Oktober 2016

Aufstieg und Niedergang am Beispiel Deutschlands und der Vereinigten Staaten

Aufstieg:

Das 19. Jahrhundert gehörte Deutschland, es war die Zeit eines unglaublichen Aufstiegs.In 1785 there were 1,225 periodicals published compared with 260 in France. In 1900 Germany had 4,221 newspapers. France roughly 3,000 (and Russia 125). In the early nineteenth century, when England had just four universities, Germany had more than fifty... Germany took the lead in the establishment of scientific societies in the early nineteenth century... and [German] became the leading language of scientific scholarship... In 1900 more books were published annually in German than in any other country in the world. In 1900 illiteracy rates in Germany were 0.5 percent; in Britain they were 1 percent and in France 4 percent.”

Sonntag, 16. Oktober 2016

Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist

Das Streben nach Gleichheit bis hin zur forcierten Uniformierung ist so alt wie die Menschheit, und das aus einem einleuchtenden Grund: Ungleichheit und deren Billigung führt im Extrem zur Deklassierung von Menschen: Man lehnt die Ungleichen als minderwertig, überflüssig oder gar ausrottenswert ab. Nur weil wir andere Menschen, seien es die der eigenen Nation, seien es die fremder Völker, als grundsätzlich gleich betrachten, sind wir zu einem friedlichen Miteinander bereit. Tiere, selbst nah verwandte, betrachten wir nicht so – die Auswirkungen sind bekannt.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Wagner, Hitler, Hobsbawm – was ist deutsche Identität?

Geht man in der Generationenfolge jedes beliebigen Erdenbürgers nur weit genug in die Vergangenheit zurück, so ist eines absolut sicher: Irgendwo im eigenen Stammbaum begegnet man zwangsläufig einem Schwerverbrecher. Diese aus logischen Gründen unbestreitbare Tatsache scheint dennoch nirgendwo auf der Welt Menschen zu motivieren, sich ein Bild gerade dieser Person in den Empfangsraum zu hängen oder sie auch nur in Erinnerung zu behalten – vielmehr ist das Gegenteil zu beobachten: Die Verbrecher werden geflissentlich aus der Erinnerung, oft überhaupt aus der Geschichte getilgt, niemand ist darauf erpicht, die eigene Identität gerade durch sie zu definieren. Ganz anders verhält es sich dagegen mit jenen Ahnen, auf die man mit Stolz zurückblicken kann. Auch der kleinste Hinweis auf eine Tugend oder gar eine hervorstechende positive Eigenschaft pflegt in diesem Fall sorgfältig konserviert und an die Nachkommen als wertvolle Erinnerung weitergegeben zu werden.